{"id":81,"date":"2021-11-03T20:11:38","date_gmt":"2021-11-03T19:11:38","guid":{"rendered":"https:\/\/ganzohr.hfmt-hamburg.de\/?p=81"},"modified":"2025-04-22T00:51:40","modified_gmt":"2025-04-21T22:51:40","slug":"musik-von-anfang-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ganzohr.hfmt-hamburg.de\/index.php\/2021\/11\/musik-von-anfang-an\/","title":{"rendered":"Musik \u2013 von Anfang an"},"content":{"rendered":"\n<p>Dieser Artikel geh\u00f6rt zu Elterninfo&nbsp;3.\/4. SCHWANGERSCHAFTSMONAT<\/p>\n\n\n\n<p>Singen kann cool sein \u2013 davon ist Hans B\u00e4\u00dfler, Leiter und Mitinitiator des Projekts \u201eGanz Ohr! Musik f\u00fcr Kinder\u201c, \u00fcberzeugt. Ein besonderes Anliegen ist ihm die Musik im Alltag, vor allem die selbst produzierte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Herr Professor B\u00e4\u00dfler, Sie engagieren sich ja schon seit Langem daf\u00fcr, dass das aktive Musikmachen \u2013 und insbesondere das Singen \u2013 in Familien und Schulen wieder selbstverst\u00e4ndlicher wird. Sieht es damit so schlecht aus in Deutschland?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gerade das Singen und das Interesse daran haben stark nachgelassen. Nur noch wenige von unseren Kindern und ihren Eltern singen selbst, und die Ch\u00f6re, besonders die Kinderch\u00f6re, bekommen Nachwuchsprobleme. Aber in der Familie f\u00e4ngt es an: Die Tradition, abends zum Schlafengehen dem Kind ein Lied vorzusingen, existiert kaum noch. Wir singen auch keine Lieder zu den unterschiedlichen Jahreszeiten oder auf Reisen im Auto mehr. Und mit dem Singen ist auch das Musikmachen zur\u00fcckgegangen, selbst wenn die Musikschulen von sich sagen, dass wegen der gro\u00dfen Nachfrage Tausende von Kindern auf Musikunterricht warten m\u00fcssen. Aber es sind ja nicht nur die Musikschulen, die das Musikmachen f\u00f6rdern, sondern auch die Musikvereine, zum Beispiel bei den Feuerwehren, und auch das hat sehr stark nachgelassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Lied &#8222;Bruder Jakob&#8220;&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.liederprojekt.org\/#2-29159#Bruder_Jakob\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ANH\u00d6REN<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Deutschland ist doch ber\u00fchmt f\u00fcr seine vielen Opernh\u00e4user, Orchester, Musikhochschulen und Musikschulen. Wie kommt es dann, dass Musikmachen nicht mehr so verbreitet ist wie fr\u00fcher?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Musikp\u00e4dagogen k\u00f6nnen best\u00e4tigen, dass gerade in den 1970er Jahren das Singen, das ganz normale Singen im Alltag, verp\u00f6nt war. Das h\u00e4ngt mit den Erfahrungen zusammen, die man im Dritten Reich gemacht hat. Singen wurde gleichgesetzt mit Faschismus. Das ist nat\u00fcrlich Bl\u00f6dsinn, aber diese eigentlich bl\u00f6dsinnige Ansicht hat sich durchgesetzt, und in den Schulen wurde nicht mehr oder nur noch sehr wenig gesungen. Die Kinder von damals, die heute Eltern sind, haben das Singen in der Schule nicht mehr gelernt. Und au\u00dferdem haben sie sich von ihren eigenen Eltern, der heutigen Gro\u00dfelterngeneration, und deren Kulturbegriff emanzipiert. Die Gro\u00dfeltern haben in der Schule ganz sicher noch gesungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wenn Sie heute in ein internationales Jugendlager gehen, treffen Sie Skandinavier oder auch Letten, Esten oder Litauer, die eine gro\u00dfe Gesangstradition haben. Und wenn Sie dann die deutschen Jugendlichen nach ihren Liedern fragen, k\u00f6nnen die vielleicht gerade noch die erste Strophe von \u201eDer Mond ist aufgegangen\u201c, und auch da hapert es schon. Wir haben in Deutschland eine sehr gut ausgebaute und etablierte Hochkulturszene, auch wenn sie momentan reduziert wird. Aber diese Hochkultur und die eigene Sing- und Musikkultur f\u00fcr den t\u00e4glichen Gebrauch klaffen weit auseinander.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Aber wir k\u00f6nnen heute doch st\u00e4ndig Musik h\u00f6ren, zu jeder Tages- und Nachtzeit: aus dem Radio, dem Internet oder dem mp3-Player. Was soll es da noch bringen, selbst Musik zu machen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist schon ein wesentlicher Unterschied, ob ich eine Hintergrundmusik h\u00f6re oder ob ich selbst Musik mache. Es ist etwas Besonderes, aktiv sein zu k\u00f6nnen und mit anderen zusammen etwas zu erleben. Gerade da l\u00e4sst sich keine andere Kunst mit der Musik vergleichen. Ich merke, dass ich in der Lage bin, mich emotional zu \u00e4u\u00dfern. Und das hei\u00dft ja nicht, dass ich besonders laut singe, sondern mit dem Inhalt \u2013 zum Beispiel bei einem Lied \u2013&nbsp; innerlich \u00fcbereinstimme. Und diese Erfahrung mache ich nicht, wenn ich im Autoradio nebenbei noch Musik h\u00f6re.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Selbst musizieren \u2013 das besondere Erlebnis<\/h3>\n\n\n\n<p><strong><em>Bei \u201eGanz Ohr! Musik f\u00fcr Kinder\u201c geht es ja auch nicht um passiven Musikkonsum. Ziel des Projekts ist, Erwachsene f\u00fcr das Singen und Musikmachen mit Kindern zu begeistern. Warum richtet sich das Projekt gerade an Eltern oder Erzieherinnen und Erzieher? Warum \u00fcberl\u00e4sst man das nicht den Fachleuten, also den Musikschulen oder den Schullehrern?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es geht uns ja um das ganz allt\u00e4gliche Musikmachen und Singen, das gepflegt werden soll. Die Musiklehrerinnen und -lehrer geben blo\u00df zus\u00e4tzliche Anregungen. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen sie den Kindern Morgenlieder, Abendlieder usw. beibringen. Aber gesungen werden m\u00fcssen die Lieder beim Aufstehen, beim Schlafengehen, daheim oder auch im Kindergarten. Sie geh\u00f6ren als Ritual zum Tagesablauf. Ein Ritual soll ja immer zu einer inneren Stabilit\u00e4t f\u00fchren. Das geht nat\u00fcrlich nur, wenn es nicht einfach automatisch abl\u00e4uft, sondern auch erlebt wird. Aber wenn die Lieder Teil einer gemeinsamen Ordnung werden, beispielsweise in einer Familie, sind sie sehr hilfreich. Und deshalb sprechen wir die Eltern an, weil sie die allererste Instanz f\u00fcr die fr\u00fchkindlichen Erfahrungen sind. Wir brauchen zwar eine Hochkultur, aber sie ist nur ein kleiner Teil eines gesamten gro\u00dfen Musikmachens.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Aber was ist eigentlich das Besondere an Musik? Was schafft sie, was man nicht durch Sprechen oder Spielen erreichen k\u00f6nnte?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es tut den Kindern sichtlich gut, gemeinsam \u2013 das ist wichtig \u2013 mit den Eltern oder mit den Geschwistern etwas zu machen, was nicht auf der sprachlichen und intellektuellen Ebene stattfindet. Singen und Tanzen liefern die M\u00f6glichkeit, sich zu ver\u00e4ndern, ohne sich daf\u00fcr rechtfertigen zu m\u00fcssen. Sp\u00e4\u00dfe, die in einem Lied beschrieben werden, k\u00f6nnten Kinder mit ihren Eltern nicht auf der Vernunft- oder Sprachebene machen. Aber den \u201eCowboy Jim aus Texas\u201c, der so viele witzige Dinge erlebt, empfindet ein Kind beim Singen ganz anders, als wenn man die witzigen Erlebnisse nur erz\u00e4hlen w\u00fcrde. Die Melodie und damit auch der Inhalt wirken viel intensiver, und das ist ein ganz eigenes Erlebnis. Darum brauchen wir auch keine Rechtfertigung, ob man durch Musikmachen nun intelligenter wird oder nicht.<br>Lied &#8222;Der Cowboy Jim aus Texas&#8220;&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.liederprojekt.org\/#0-30295#Der%20Cowboy%20Jim%20aus%20Texas\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ANH\u00d6REN<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Auch wenn Musik den Kindern gut tut: \u201eGanz Ohr! Musik f\u00fcr Kinder\u201c richtet sich ja gerade nicht an Kinder, sondern an Erwachsene, die den Kindern Musik vermitteln sollen. Was bringt den Erwachsenen das Singen, Tanzen und Musikmachen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ganz wichtig ist nat\u00fcrlich erst einmal, dass sie etwas gemeinsam mit den Kindern machen. Das ist etwas Besonderes, so wie im Spiel, wo Eltern mit den Kindern beispielsweise toben und sich anders verhalten, als sie das sonst als Erzieher tun. Au\u00dferdem ist Musikmachen eine gro\u00dfe, geradezu ganzheitliche Erfahrung. Die zweite Besonderheit ist: mit der Zeit beobachten die Eltern, dass ihre Kinder, die am Anfang die Lieder zum Beispiel gar nicht in ihren Tonh\u00f6hen singen konnten, sich musikalisch immer weiter verfeinern. Man darf nur nicht zu viel auf einmal erwarten, dann entwickelt sich das von selbst. Wenn es zum Beispiel einem Kind im Alter von f\u00fcnf, sechs Jahren gelingt, mehrstimmig in der Familie zu singen, dann ist das ein Gl\u00fccksmoment, das durch nichts zu ersetzen ist. Eltern erfahren, was sie selbst ihren Kindern weitergeben, und P\u00e4dagogik ist eigentlich nur ein \u201eIch gebe etwas weiter von dem, was ich habe\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Es ist nie zu fr\u00fch f\u00fcr Musik<\/h3>\n\n\n\n<p><strong><em>Bei dem Projekt geht es auch um das Musikmachen bereits w\u00e4hrend der Schwangerschaft. Kinder k\u00f6nnen zwar schon ab etwa der H\u00e4lfte der Schwangerschaft h\u00f6ren und sp\u00e4ter sogar rhythmische Muster wiedererkennen, die sie im Mutterleib geh\u00f6rt haben, aber das eigentliche H\u00f6ren und Lernen f\u00e4ngt trotzdem erst nach der Geburt an. Weshalb ist Musikmachen schon w\u00e4hrend der Schwangerschaft sinnvoll?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst einmal soll man nicht glauben, dass das Musikmachen oder Singen der Mutter w\u00e4hrend der Schwangerschaft automatisch musikalische Kinder hervorbringen w\u00fcrde.Es ist viel einfacher und naiver: Singen dr\u00fcckt Emotionen aus, und zwar normalerweise positive Emotionen. Und selbst dort, wo eine Mutter ein trauriges Lied singt, hat sie schon wieder ein St\u00fcck weit Kraft gefunden, diese Trauer durch das Singen zu bew\u00e4ltigen oder mit dieser Trauer zu leben. Und diese positive Einstellung wirkt sich auch auf den Fetus aus. Der zweite Aspekt ist der: die Mutter befindet sich aufgrund der Schwangerschaft in einer neuen Situation. Und das Singen hilft ihr, sich dabei wohlzuf\u00fchlen, und auch dieses Wohlgef\u00fchl geht dann auf das Kind \u00fcber. Diese ganz enge Verbindung zwischen Mutter und Kind f\u00fchrt dazu, dass sich das Kind nach Geburt wieder an das Wohlgef\u00fchl erinnert, wenn es diese Lieder der Mutter wieder h\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Lied &#8222;Schlaf, Kindlein, schlaf&#8220;&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.liederprojekt.org\/#0-27786#Schlaf,%20Kindlein,%20schlaf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ANH\u00d6REN<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Was w\u00fcnschen Sie also Eltern oder werdenden Eltern und ihren Kindern in puncto Musik?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Mein gr\u00f6\u00dfter Wunsch ist, dass Eltern sich die Zeit nehmen, selbst zu singen oder sich Lieder anzuh\u00f6ren. Es gibt ja eine ganze Reihe von sehr guten CDs, zum Beispiel mit Wiegenliedern. Die sollten meiner Meinung nach sehr fr\u00fch gelernt werden, nicht erst nach der Geburt, sondern schon vorher. Ich w\u00fcrde den Kindern au\u00dferdem w\u00fcnschen, dass die Eltern eine t\u00e4gliche Praxis aus dem Singen und sp\u00e4ter auch aus dem Musizieren machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und den Eltern w\u00fcnsche ich ganz dringlich, nicht in irgendeiner Weise in einen falschen Ehrgeiz zu verfallen, \u201eMein Kind&nbsp;<em>muss<\/em>&nbsp;aber unbedingt das und das Instrument erlernen,&nbsp;<em>muss<\/em>&nbsp;in den Chor gehen\u201c. So etwas entwickelt sich eigentlich von selbst, wenn Singen und sonstiges Musikmachen selbstverst\u00e4ndlich ist. Wenn man Kinder dr\u00e4ngt, dann reagieren sie entweder abwehrend oder sie f\u00fcgen sich widerwillig und machen das, was die Eltern sagen. Aber weder das eine noch das andere f\u00fchrt zum Musikmachen. Eltern k\u00f6nnen stattdessen beobachten, ob und wie sich bei Kindern etwas zur Musik, zu Instrumenten hin entwickelt. Dann k\u00f6nnen sie Angebote machen und den Musikunterricht oder Chorbesuch erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Hans B\u00e4\u00dfler leitet das Institut f\u00fcr musikp\u00e4dagogische Forschung an der Hochschule f\u00fcr Musik, Theater und Medien Hannover, wo er auch Sprecher des Studiengangs Schulmusik ist. In diesen und vielen weiteren Funktionen setzt sich Hans B\u00e4\u00dfler insbesondere f\u00fcr eine praxisorientierte Ausbildung von Musiklehrern an allgemeinbildenden Schulen ein.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Liedbeitr\u00e4ge mit freundlicher Genehmigung von\u00a0<a href=\"http:\/\/www.liederprojekt.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">LIEDERPROJEKT.ORG<\/a>, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2. Dieser Artikel geh\u00f6rt zu Elterninfo\u00a0<a href=\"https:\/\/ganzohr.hfmt-hamburg.de\/index.php\/elterninfos\/3-4-schwangerschaftswoche\/\">3.\/4. 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