{"id":197,"date":"2021-11-03T21:52:32","date_gmt":"2021-11-03T20:52:32","guid":{"rendered":"https:\/\/ganzohr.hfmt-hamburg.de\/?p=197"},"modified":"2025-04-22T01:05:25","modified_gmt":"2025-04-21T23:05:25","slug":"wozu-musik-in-der-grundschule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ganzohr.hfmt-hamburg.de\/index.php\/2021\/11\/wozu-musik-in-der-grundschule\/","title":{"rendered":"Wozu Musik in der Grundschule?"},"content":{"rendered":"\n<p>Dieser Artikel geh\u00f6rt zu Elterninfo&nbsp;6 JAHRE<\/p>\n\n\n\n<p>Nun geht Ihr Kind zur Schule, oder es bereitet sich gerade darauf vor. Vielleicht bringt es ja schon einen Schatz an Liedern und Musikspielen von zuhause oder aus der Kita mit, vielleicht spielt es sogar ein Instrument. Aber wie geht es in puncto Musik in der Schule weiter, und vor allem: Was kann Musikunterricht in der Grundschule leisten?<\/p>\n\n\n\n<p>Wahlweise soll er junge \u201eKomponistinnen und Komponisten entdecken\u201c helfen oder \u201edifferenziertes Wahrnehmen, Erleben und Gestalten\u201c vermitteln \u2013 je nach Bundesland. Bildungspolitik ist L\u00e4ndersache, und so fallen auch die Lehrpl\u00e4ne f\u00fcr den Musikunterricht unterschiedlich aus: Die Skala reicht von der Musikerziehung nach Teilrahmenplan bis hin zum F\u00e4cherverbund Mensch-Kultur-Natur, bei dem Musik eher mit einflie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Franz Riemer, Pr\u00e4sident des Landesmusikrats Niedersachsen, h\u00e4lt es allerdings f\u00fcr unverzichtbar, dass Musik als eigenst\u00e4ndiges Fach unterrichtet wird: \u201eEs geht darum, Kindern Freude am musikalischen Tun und grundlegende Informationen \u00fcber Musik zu vermitteln.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und weil es f\u00fcr die s\u00e4ngerisch-rhythmische F\u00f6rderung und den Aufbau eines Liedrepertoires auch bei den J\u00fcngsten spezielle Kenntnisse und Fertigkeiten braucht, setzt sich Riemer f\u00fcr Fachlehrer schon ab der ersten Grundschulklasse ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass es genau daran mangelt, wei\u00df er freilich auch: \u201eIn Niedersachsen zum Beispiel ist es derzeit so geregelt, dass in den ersten beiden Jahren Musik in den Tagesbetrieb integriert wird. F\u00fcr die erste und zweite Klasse sind also vor allem die Klassenlehrer gefordert. Und da w\u00e4re es w\u00fcnschenswert, wenn sie entweder Musiklehrer w\u00e4ren oder musikalisch ausreichend gebildet, um kompetent Musik unterrichten zu k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Lied &#8222;Der Kuckuck und der Esel&#8220;&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.liederprojekt.org\/lied30313-Der-Kuckuck-und-der-Esel.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ANH\u00d6REN<\/a><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Musikunterricht ist unersetzlich<\/h3>\n\n\n\n<p>Trotzdem kann Musikunterricht in der Grundschule durch nichts ersetzt werden. Da ist sich Riemer sicher, auch wenn er die Zusammenarbeit von Schulen mit Ministerien, Stiftungen oder Musikschulen sehr sch\u00e4tzt. Ob &#8222;Wir machen die Musik\u201c oder das Kulturagentenprogramm, bei dem K\u00fcnstler Projekte an Schulen veranstalten: \u201eDie Kooperation mit au\u00dferschulische Institutionen funktioniert nur wirklich gut, wenn auch kompetente Lehrer in der Schule sind.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nur der Schulunterricht erreiche verl\u00e4sslich alle Kinder. Durch Chorklassen etwa k\u00f6nne gemeinsames Singen zu einem selbstverst\u00e4ndlichen Bestandteil im Schulalltag werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade Singen empfiehlt sich seiner Meinung nach auch, um in der ersten Klasse alle Kinder abzuholen, von denen manche mit Inbrunst ihre Lieblingslieder intonieren, ein paar wenige ein Instrument spielen und viele Musik blo\u00df als akustische Dauerberieselung kennen. Grundschullehrerinnen und -lehrer m\u00fcssen sich etwas einfallen lassen, um die einen zu unterst\u00fctzen, ohne dass die anderen sich langweilen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Viele Wege f\u00fchren zum Musikerwerb<\/h3>\n\n\n\n<p>Aber besonders der Beruf eines Lehrers verlange, mit unterschiedlichen F\u00e4higkeiten umgehen zu k\u00f6nnen, meint dazu Christiane Joost-Plate. Die Musikp\u00e4dagogin und Nieders\u00e4chsische Fachsprecherin \u201eMusik mit Menschen mit Behinderung\u201c setzt sich f\u00fcr inklusiven Unterricht ein, also f\u00fcr gemeinsamen Musikunterricht von behinderten und nicht-behinderten Kindern \u2013 nicht nur deswegen, weil eins ihrer Kinder, mittlerweile eine begeisterte und aktive Musikerin, mit Down-Syndrom auf die Welt kam: \u201eIch bin der Meinung, dass inklusiver Unterricht, wenn er richtig gestaltet wird, nichts weiter ist als p\u00e4dagogisch guter Unterricht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Lied &#8222;Bei meiner Tante Josefine&#8220;&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.liederprojekt.org\/lied30290-Bei-meiner-Tante-Josefine.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ANH\u00d6REN<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Christiane Joost-Plate spricht in diesem Zusammenhang auch eher von unterschiedlichen Voraussetzungen als von Behinderung. Gerade Musik, die ja auch intuitiv aufgenommen und umgesetzt wird, erm\u00f6gliche es, alle Kinder in den Unterricht einzubinden. Singen oder Summen, Lautieren und rhythmisches Klatschen oder Gehen k\u00f6nnten von Musikp\u00e4dagogen mit entsprechenden Ideen sinnvoll eingesetzt werden, meint sie: \u201eDas sind Abl\u00e4ufe, die zun\u00e4chst einmal nichts damit zu tun haben m\u00fcssen, ob jemand in Sachen Kulturf\u00e4higkeit kognitiv erreichbarer ist als der andere.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>So lasse sich auch ein guter sozialer Kontakt und Austausch der Kinder untereinander herstellen. Die Kunst dabei sei, jedem Kind eine seinen F\u00e4higkeiten angemessene Aufgabe zu geben: \u201eDie einen sind typische Anf\u00fchrer und wollen in ihrer Gruppe die Vorspieler oder -s\u00e4nger sein, und andere finden es toll, dazu rhythmisch bunte T\u00fccher zu schwenken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr ein Kind mit verz\u00f6gerter kognitiver und motorischer Entwicklung ist das Prinzip der kleinen Schritte entscheidend: Wenn es zum Beispiel eine Idee \u00e4u\u00dfert \u2013 beim gemeinsamen Singen oder in einem Musikspiel \u2013, ist es m\u00f6glicherweise nicht in der Lage, sie den anderen selbst zu erkl\u00e4ren oder etwas vorzumachen. Das \u00fcbernimmt dann ein P\u00e4dagoge oder ein anderes Kind. Auch das Klassenziel ist hier ein anderes: Es gehe, so Christiane Joost-Plate, vor allem um individuelle Teilhabe, die diesem Kind einen angemessenen Platz in der Gemeinschaft erm\u00f6gliche.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Eine p\u00e4dagogische Herausforderung<\/h3>\n\n\n\n<p>In einer inklusiven Musikklasse m\u00fcssen Lehrkr\u00e4fte also mit wesentlich mehr Vielfalt zurechtkommen und mehr unterschiedliche F\u00e4higkeiten erkennen, die gef\u00f6rdert werden wollen. Das l\u00e4sst sich nat\u00fcrlich nur mit kleinen Klassenst\u00e4rken umsetzen.<br>Vor allem aber brauchen Lehrerinnen und Lehrer spezielle p\u00e4dagogische Erfahrungen oder Unterst\u00fctzung und Fortbildung, um die oft ungewohnte Situation gestalten zu k\u00f6nnen. Christiane Joost-Plate hat denn auch Verst\u00e4ndnis, wenn P\u00e4dagogen diese Aufgabe nicht \u00fcbernehmen k\u00f6nnen oder wollen. Diese Offenheit bringe mehr als ein misslungener inklusiver Unterricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Lied &#8222;Heut kommt der Hans zu mir&#8220;&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.liederprojekt.org\/lied29218-Heut-kommt-der-Hans-zu-mir.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ANH\u00d6REN<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Abgesehen davon stellt sie gerade beim Musikunterricht den schulischen Leistungsgedanken in Frage. Kunst solle frei von N\u00fctzlichkeitskriterien bleiben: \u201eIch w\u00fcnsche mir, dass Musikunterricht allen Kindern hilft, Musik als Schatz zu entdecken, der jenseits von allem Zweckdenken gelebt werden kann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><em>Franz Riemer lehrt als Professor f\u00fcr Musikp\u00e4dagogik an der Hochschule f\u00fcr Musik, Theater und Medien Hannover, wo er auch das Institut f\u00fcr musikp\u00e4dagogische Forschung leitet. Seit 2011 ist er Pr\u00e4sident des Landesmusikrates Niedersachsen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Christiane Joost-Plate unterrichtet Musik und ist Fachsprecherin f\u00fcr die musikp\u00e4dagogische Arbeit mit Menschen mit Behinderung an der Musikschule der Landeshauptstadt Hannover. Als Nieders\u00e4chsische Fachsprecherin f\u00fcr \u201eMusik mit Menschen mit Behinderung\u201c des Verbandes deutscher Musikschulen (VdM) baut sie seit 2010 gemeinsam mit Schulen, Musikschulen und Musikern den Bereich inklusiver Musikf\u00f6rderung in Niedersachsen aus.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Liedbeitr\u00e4ge mit freundlicher Genehmigung von\u00a0<a href=\"http:\/\/www.liederprojekt.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">LIEDERPROJEKT.ORG<\/a>, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2. 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