{"id":195,"date":"2021-11-03T21:51:25","date_gmt":"2021-11-03T20:51:25","guid":{"rendered":"https:\/\/ganzohr.hfmt-hamburg.de\/?p=195"},"modified":"2025-04-22T01:05:35","modified_gmt":"2025-04-21T23:05:35","slug":"musikgeschmack-und-offene-ohren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ganzohr.hfmt-hamburg.de\/index.php\/2021\/11\/musikgeschmack-und-offene-ohren\/","title":{"rendered":"Musikgeschmack und offene Ohren"},"content":{"rendered":"\n<p>Dieser Artikel geh\u00f6rt zu Elterninfo&nbsp;6 JAHRE<\/p>\n\n\n\n<p>Gibt es f\u00fcr die Mozart-Arie bei Erst- und Zweitkl\u00e4sslern einen fr\u00f6hlichen oder einen traurigen Smiley? Wie gef\u00e4llt ihnen der Popsong \u201eBad day\u201c, und wie kommt im Vergleich dazu ein avantgardistisches Stimmexperiment des italienischen Komponisten Giacinto Scelsi weg? Kinder entwickeln schon erstaunlich fr\u00fch ein Gesp\u00fcr f\u00fcr unterschiedliche Musikrichtungen und zeigen durchaus Vorlieben und Abneigungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Musikpsychologen Reinhard Kopiez und Marco Lehmann wollten es genau wissen: Wann beginnen Kinder, eine Musikrichtung einer anderen gegen\u00fcber zu bevorzugen? In Hannover befragten die beiden \u00fcber 180 Grundsch\u00fcler der Klassen eins bis vier, wie gut ihnen bestimmte Musikrichtungen gefielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kinder h\u00f6rten Ausschnitte aus Popsongs, klassischer Musik, Avantgarde-Werken und ethnischer Musik, von Johann Sebastian Bach \u00fcber Felix Mendelssohn bis hin zum Chor Bulgarian Voices Angelite oder dem kanadischen Popmusiker Daniel Powter. F\u00fcr jedes H\u00f6rbeispiel durften die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler auf dem Fragebogen eine Note mit dem entsprechenden Smiley vergeben. Die Skala reichte von eins mit einem lachenden Smiley \u2013 \u201eh\u00f6re ich sehr gern\u201c \u2013 bis f\u00fcnf mit einem traurigen Smiley und der klaren Aussage \u201ewill ich nicht h\u00f6ren\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Lied &#8222;Der Winter ist vergangen&#8220;&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.liederprojekt.org\/lied29187-Der-Winter-ist-vergangen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ANH\u00d6REN<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Hintergrund der Studie: Fr\u00fcher nahm man an, dass der Musikgeschmack sich erst im \u00dcbergang von der Kindheit zur Pubert\u00e4t, im \u201ePubert\u00e4tsknick\u201c, entscheidend \u00e4ndere. Vor ein paar Jahren ging man davon aus, dass es bereits im Alter zwischen zehn und elf Jahren so weit sei. Aber Kinder entscheiden schon viel fr\u00fcher, welche Musikrichtung ihnen besser gef\u00e4llt als die anderen, n\u00e4mlich bereits im Alter von sechs bis sieben Jahren, wie Kopiez und Lehmann in ihrem Versuch feststellten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Konventionell oder unkonventionell?<\/h3>\n\n\n\n<p>Bis zu einem bestimmten Alter h\u00f6ren Kinder gern einmal Musik, die in ihren Ohren fremd klingt. Musikpsychologen sprechen deshalb von der \u201eOffenohrigkeit\u201c j\u00fcngerer Kinder. Aber mit den Jahren wird die kindliche Toleranzskala kleiner, Kinder bevorzugen immer ausgepr\u00e4gter eine bestimmte Art von Musik. Dieser pers\u00f6nliche Musikgeschmack h\u00e4ngt nat\u00fcrlich zu einem gro\u00dfen Teil von den Erfahrungen des Kindes und denen seiner Umgebung ab.<br>Vereinfacht gesagt: Ein Kind, das mit traditionellen, selbst gesungenen Volksliedern aufw\u00e4chst, gew\u00f6hnt sich an einen anderen Stil als eines, das mit den aktuellen Charts aus dem Radio oder dem Internet gro\u00df wird. Allerdings kennen die meisten Kinder eher die Charts als Volkslieder, und je \u00e4lter sie werden, desto mehr richten sie sich nach dem Urteil der Gleichaltrigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kopiez und Lehmann waren also nicht erstaunt, dass bei den Hannoveraner Grundschulkindern der g\u00e4ngige Popsound durchweg am besten ankam. Aber es fiel ihnen auf, dass schon die Zweitkl\u00e4ssler deutlich klarere Geschmacksurteile abgaben als die \u201eoffenohrigeren\u201c Erstkl\u00e4ssler und insgesamt viel weniger gute Noten verteilten.<br>Und was die Musikpsychologen \u00fcberraschte: Die klassischen St\u00fccke schnitten bei den Zweitkl\u00e4sslern eher schlechter ab als die avantgardistischen und ethnischen Musikbeispiele \u2013 obwohl sie grunds\u00e4tzlich die gleichen Merkmale hatten wie die Popsongs: Dur-Moll-Harmonik, erkennbare Melodien und einen durchgehenden Takt. Daran sind wir zumindest in unserer \u00f6ffentlichen Musikkultur von klein auf gew\u00f6hnt, das empfinden wir als \u201enormal\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00f6glicherweise ist genau das der Punkt: Gerade weil sich Kinder mit \u201enormaler\u201c Musik am besten auskennen, entwickeln sie hier eine besonders ausgepr\u00e4gte Zu- oder Abneigung gegen bestimmte Musikrichtungen. So gesehen waren f\u00fcr die Zweitkl\u00e4ssler der Instrumentalklang oder die Opernstimme der klassischen Musik besonders irritierend, die urt\u00fcmlichen oder experimentellen Ges\u00e4nge und schr\u00e4gen Harmonien in Avantgarde und ethnischer Musik dagegen eher interessant. Die \u00e4lteren Grundsch\u00fcler lehnten dann auch die \u201eExoten\u201c zunehmend ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Lied &#8222;Bunt sind schon die W\u00e4der&#8220;&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.liederprojekt.org\/lied29209-Bunt-sind-schon-die-Waelder.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ANH\u00d6REN<\/a><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Eigene musikalische Erfahrungen sind unverzichtbar<\/h3>\n\n\n\n<p>Mit der Zeit lernen Kinder, ihre Meinung und ihren Geschmack unabh\u00e4ngig von Erwachsenen zu bilden, und wachsen st\u00e4rker in ihre eigene Altersgruppe hinein. Reinhard Kopiez und Marco Lehmann regen in ihrer Studie daher an, kindliche Musikvorlieben mit anderen Mitteln als nur H\u00f6rbeispielen zu erforschen, die von einem Erwachsenen vorgespielt werden. Zum Beispiel k\u00f6nnen Kinder Musik au\u00dferhalb der Dur-Moll-Normalit\u00e4t gut beim Experimentieren mit Instrumenten auskundschaften.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Musikpsychologen vermuten, dass Kinder \u2013 unabh\u00e4ngig vom pers\u00f6nlichen Musikgeschmack \u2013 ihre Offenohrigkeit auf diese Weise behalten k\u00f6nnen. Auch wenn es zur normalen Entwicklung eines Kindes geh\u00f6rt, sich abzugrenzen, ist die Reduzierung des Geschmacks auf einen bestimmten Musikstil keine zwangsl\u00e4ufige Entwicklung. Ihre j\u00fcngsten Forschungen weisen au\u00dferdem darauf hin, dass auch das Potenzial eines St\u00fccks, k\u00f6rperliche Bewegung anzuregen \u2013 unabh\u00e4ngig von der Art der Musik \u2013 das Gefallen bestimmt: Musik, zu der man tanzen kann, gef\u00e4llt Kindern in der Regel gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Lied &#8222;Komm, lieber Mai und mache&#8220;&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.liederprojekt.org\/lied29144-Komm-lieber-Mai.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ANH\u00d6REN<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Eltern und Lehrer k\u00f6nnen den Kindern in jedem Fall etwas Gutes tun, indem sie sie m\u00f6glichst verschiedenartige Musik h\u00f6ren lassen \u2013 sei es im Konzert, im Radio oder auf der CD \u2013 und die Kinder auch beim Musikmachen unterst\u00fctzen, durch Singen oder auf Instrumenten. Eigene musikalische Erfahrungen und Erlebnisse lassen sich durch nichts ersetzen, weil sich das selbsterzeugte Klangerlebnis viel st\u00e4rker einpr\u00e4gt als blo\u00dfes H\u00f6ren. So kann aktives Musizieren Kindern dabei helfen, musikalische Vorlieben zu entdecken und zu entwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Reinhard Kopiez lehrt seit 1998 als Professor f\u00fcr Musikpsychologie an der Hochschule f\u00fcr Musik, Theater und Medien Hannover. Kopiez publizierte Aufs\u00e4tze und B\u00fccher, die sich unter anderem mit der Sozialpsychologie der Musik (Fu\u00dfball-Fanges\u00e4nge), der emotionalen Wirkung von Musik (G\u00e4nsehaut-Erlebnisse) oder der Virtuosit\u00e4t besch\u00e4ftigen. Er war Pr\u00e4sident der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Musikpsychologie und der European Society for the Cognitive Sciences of Music (ESCOM) und ist heute Herausgeber der Zeitschrift \u201eMusicae Scientiae\u201c.<br>Der Diplom-Psychologe Marco Lehmann promovierte 2010 \u00fcber die allt\u00e4glichen Umgangsformen Jugendlicher mit Musik. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Sozialpsychologie der Musik und empirische Methoden der Musikforschung. Er ist seit 2011 Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft an der Universit\u00e4t Hamburg.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literaturhinweise:<\/strong><br>Der Musikgeschmack im Grundschulalter \u2013 Neue Daten zur Hypothese der Offenohrigkeit, Marco Lehmann &amp; Reinhard Kopiez; in: Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Musikpsychologie (Hrsg. Wolfgang Auhagen, Claudia Bullerjahn, Holger H\u00f6ge), Band 21, S. 30 \u2013 55, Hogrefe Verlag, G\u00f6ttingen 2011<\/p>\n\n\n\n<p>Liedbeitr\u00e4ge mit freundlicher Genehmigung von\u00a0<a href=\"http:\/\/liederprojekt.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">LIEDERPROJEKT.ORG<\/a>, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2. Dieser Artikel geh\u00f6rt zu Elterninfo\u00a0<a href=\"https:\/\/ganzohr.hfmt-hamburg.de\/index.php\/elterninfos\/6-jahre\/\">6 JAHRE<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Artikel geh\u00f6rt zu Elterninfo&nbsp;6 JAHRE Gibt es f\u00fcr die Mozart-Arie bei Erst- und Zweitkl\u00e4sslern einen fr\u00f6hlichen oder einen traurigen Smiley? Wie gef\u00e4llt ihnen der Popsong \u201eBad day\u201c, und wie kommt im Vergleich dazu ein avantgardistisches Stimmexperiment des italienischen Komponisten Giacinto Scelsi weg? 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