{"id":191,"date":"2021-11-03T21:49:02","date_gmt":"2021-11-03T20:49:02","guid":{"rendered":"https:\/\/ganzohr.hfmt-hamburg.de\/?p=191"},"modified":"2025-04-22T01:05:52","modified_gmt":"2025-04-21T23:05:52","slug":"kinder-erfinden-musik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ganzohr.hfmt-hamburg.de\/index.php\/2021\/11\/kinder-erfinden-musik\/","title":{"rendered":"Kinder erfinden Musik"},"content":{"rendered":"\n<p>Dieser Artikel geh\u00f6rt zu Elterninfo&nbsp;6 JAHRE<\/p>\n\n\n\n<p>Spielt Ihr Kind gern mit seiner Stimme, trommelt es mit den H\u00e4nden auf K\u00f6rper oder Tisch, probiert es Instrumente wie Blockfl\u00f6te, Gitarre oder Klavier aus? Kinder improvisieren gern musikalisch, wenn man sie l\u00e4sst. Aber k\u00f6nnen sie auch Musik erfinden, also zusammenh\u00e4ngende Kl\u00e4nge, die sich anschlie\u00dfend wiederholen lassen? Durchaus, berichtet die Entwicklungspsychologin Renate Reitinger, die das musikalische Vorstellungsverm\u00f6gen von Kindern erforscht hat.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Frau Professor Reitinger, inwiefern sind f\u00fcnf- oder sechsj\u00e4hrige Kinder \u00fcberhaupt in der Lage, Musik zu erfinden?<\/strong><\/em><br>Man muss sich zuerst einmal klar machen, was Musik erfinden alles bedeuten kann. Wir denken beim Stichwort Komponieren \u00fcblicherweise an gro\u00dfe Ausnahmetalente und ausgefeilte Werke, m\u00f6glichst noch in traditioneller Notenschrift. Aber der Wortbedeutung nach hei\u00dft Komponieren nur Zusammenstellen oder Zusammenlegen von musikalischen Elementen. Und das ist etwas ganz Elementares, das k\u00f6nnen auch kleine Melodien oder Rhythmen sein, die neu kombiniert oder variiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Lied &#8222;Hejo! Spann den Wagen an&#8220;&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.liederprojekt.org\/lied29199-Hejo-Spann-den-Wagen-an.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ANH\u00d6REN<\/a><br>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Erfinden Kinder Musik eher mit der Stimme oder eher mit Instrumenten?<\/strong><\/em><br>Die Stimme ist nat\u00fcrlich von Anfang an dabei, weil sie am fr\u00fchesten trainiert wird. Schon Drei- bis Vierj\u00e4hrige kombinieren verschiedene Lieder in so genannten Potpourriges\u00e4ngen oder \u00e4ndern Lieder nach eigenem Geschmack ab. Daneben verwenden sie aber alle Gegenst\u00e4nde, mit denen sie Ger\u00e4usche und Kl\u00e4nge produzieren k\u00f6nnen: T\u00f6pfe, Kochl\u00f6ffel, Rasseln. Da kommt es nat\u00fcrlich auch darauf an, was die Erwachsenen den Kindern anbieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit f\u00fcnf oder sechs Jahren wollen Kinder auch traditionelle Instrumente ausprobieren. Ich habe am Klavier mit Kindern improvisiert und komponiert, die eigentlich noch gar nicht Klavier spielen konnten \u2013 dadurch sind sie freilich auch in ihren M\u00f6glichkeiten begrenzt.<br>Au\u00dferdem eignet sich nat\u00fcrlich das gesamte elementare Instrumentarium \u2013 Xylophone, Klangh\u00f6lzer oder andere Perkussionsinstrumente \u2013 sehr gut, weil die Klangerzeugung sehr einfach und direkt funktioniert. Au\u00dferdem sollten die Instrumente unterschiedliche Tonh\u00f6hen bieten, weil die Kinder sonst im rein Rhythmischen bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Oft haben sie eine Idee davon, wen oder was sie mit ihrer Musik darstellen m\u00f6chten, und erz\u00e4hlen Phantasiegeschichten oder -szenen, in denen Personen etwas Bestimmtes erleben, einen Sturm oder etwas in der Art. Und dann muss ich absch\u00e4tzen, welchen Impuls ich dem Kind gebe, damit es seine gestalterische Freiheit beh\u00e4lt und zum Beispiel nicht einfach nur eine Gewittermusik nachspielt. Manchmal ist die Geschichte aber auch nur der Aufh\u00e4nger, und die Musik verselbst\u00e4ndigt sich dann.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Wovon lassen sich Kinder zum Musikerfinden anregen?<\/strong><\/em><br>Entweder von au\u00dfermusikalischen Ideen, eben Geschichten, Figuren mit charakteristischen Merkmalen und sogar Bildern oder Graphiken, oder aber von Musik, die sie inspiriert. Es gibt viele geeignete H\u00f6rbeispiele, auch in der zeitgen\u00f6ssischen Musik. Ich habe einmal Berios &#8222;Sequenza f\u00fcr Frauenstimme&#8220; verwendet, und die Kinder haben das gerne nachgemacht und anschlie\u00dfend ihr eigenes St\u00fcck im Stil von Berio erfunden.<br>Manchmal nenne ich auch die Namen der Kinder und frage, welche Tonnamen sich darin verstecken. Aus diesen T\u00f6nen entsteht anschlie\u00dfend ein St\u00fcck. Es ist erstaunlich, was Kindern selbst bei eingeschr\u00e4nkten musikalischen M\u00f6glichkeiten alles einf\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p>Lied &#8222;Winde wehn, Schiffe gehen&#8220;&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.liederprojekt.org\/lied29180-Winde-wehn-Schiffe-gehen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ANH\u00d6REN<\/a><br>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Und wie klingen die Kinderst\u00fccke?<\/strong><\/em><br>Sehr unterschiedlich, je nachdem wovon sich ein Kind leiten l\u00e4sst. Manche entwickeln vielleicht eine Spielbewegung, die ihnen Spa\u00df macht und die sie dann eine Weile ausprobieren: Diese Musik klingt eher rhythmisch. Oder wenn die Kinder mit Stabspielen arbeiten oder auch am Klavier, h\u00f6rt man zum Beispiel sehr h\u00e4ufig glissandi.<br>Viele Kinderst\u00fccke erinnern an Neue Musik, sie klingen nicht im herk\u00f6mmlichen Sinn harmonisch. Aber daneben entdeckt man auch die ganzen traditionellen&nbsp; Gestaltungselemente wie Wiederholungen, Motiventwicklungen oder gegens\u00e4tzliche Themen.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Was m\u00fcssen Kinder in diesem Alter k\u00f6nnen, um schon so eigenst\u00e4ndig Musik zu erfinden?<\/strong><\/em><br>Sie bringen schon selbst sehr viel mit: Zum einen spielen und singen sie gern nach, was sie h\u00f6ren, und zum anderen ver\u00e4ndern sie das Geh\u00f6rte spielerisch. Das sind die Grundvoraussetzungen, um Musik zu erfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Herausforderung liegt darin, das kindliche Angebot aufzugreifen und eine weiterf\u00fchrende Idee ins Spiel zu bringen. Da reicht oft schon eine einfache Nachfrage: &#8222;Das hat sich f\u00fcr mich angeh\u00f6rt, als w\u00fcrde jemand ganz schnell um die Ecke sausen und dann pl\u00f6tzlich abbremsen. Wie hast du dir das gedacht?&#8220;, und dann kommt etwas in Gang.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Schreiben Kinder ihre Musik auf?<\/strong><\/em><br>Viele kennen im Alter von f\u00fcnf, sechs Jahren schon Noten, wissen also, dass man Musik aufschreiben und wieder ablesen kann. Andere kann man zum Schreiben \u2013 oder Notieren \u2013 anregen, indem man ihnen vermittelt, dass man ihre Musik in Zukunft wieder spielen m\u00f6chte. Dann finden sie in der Regel sehr sch\u00f6ne L\u00f6sungen graphischer Art, oder sie entwickeln Figuren. Dabei entstehen aber keine Kinderbilder, wie man sie sonst kennt. Diese Musikbilder haben meistens ganz eigene Erkennungszeichen. Zum Beispiel sieht man an einer Schl\u00fcsselstelle eine Rakete, wenn es eine Weltraummusik sein soll. Manche Kinder malen auch ein besonderes Zeichen an den Rand, damit sie das St\u00fcck schnell wiedererkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Lied &#8222;Viva, viva la musica&#8220;&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.liederprojekt.org\/lied29205-Viva-la-musica.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ANH\u00d6REN<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Wie kann man kindliches Musikerfinden f\u00f6rdern?<\/strong><\/em><br>Da gibt es zum Beispiel Lieder mit kleinen freien Teilen, so genannten Aktionspausen, in denen man den Inhalt musikalisch selbst gestaltet. In Kindergruppen kann man auch eigene Begr\u00fc\u00dfungs- und Abschiedslieder erfinden, diese Situationen gibt es ja immer wieder im normalen Alltag.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gruppenleiterin oder der Gruppenleiter denkt sich zusammen mit den Kindern einen Text aus, dann werden einzelne Melodieteile improvisiert oder ausprobiert und zum Schluss aneinander geh\u00e4ngt. So entstehen f\u00fcr jede Gruppe eigene Begr\u00fc\u00dfungs- oder Abschiedslieder.<br>Aber das Wichtigste ist, dass Erwachsene \u2013 besonders die Eltern \u2013 erst einmal wahrnehmen, was ein Kind von sich aus schon alles macht, und das aufgreifen. &#8218;Das interessiert mich, was du da gerade gesungen hast&#8216; oder &#8218;Was hast du denn da gespielt auf deinem Xylophon, das war jetzt etwas ganz anderes als vorhin&#8216; zum Beispiel. Und dann f\u00fchlt sich das Kind herausgefordert, noch einmal etwas Eigenes zu zeigen, weil sein kreatives Potenzial wahrgenommen wird, auch wenn die Eltern vielleicht kein musikalisches Wissen mitbringen. Das ist das A und O.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Renate Reitinger lehrt als Professorin f\u00fcr Musikp\u00e4dagogik an der Hochschule f\u00fcr Musik N\u00fcrnberg und als Dozentin in der Lehrerfortbildung.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Liedbeitr\u00e4ge mit freundlicher Genehmigung von\u00a0<a href=\"http:\/\/www.liederprojekt.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">LIEDERPROJEKT.ORG<\/a>, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2. Dieser Artikel geh\u00f6rt zu Elterninfo\u00a0<a href=\"https:\/\/ganzohr.hfmt-hamburg.de\/index.php\/elterninfos\/6-jahre\/\">6 JAHRE<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Artikel geh\u00f6rt zu Elterninfo&nbsp;6 JAHRE Spielt Ihr Kind gern mit seiner Stimme, trommelt es mit den H\u00e4nden auf K\u00f6rper oder Tisch, probiert es Instrumente wie Blockfl\u00f6te, Gitarre oder Klavier aus? Kinder improvisieren gern musikalisch, wenn man sie l\u00e4sst. 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