{"id":183,"date":"2021-11-03T21:44:32","date_gmt":"2021-11-03T20:44:32","guid":{"rendered":"https:\/\/ganzohr.hfmt-hamburg.de\/?p=183"},"modified":"2025-04-22T00:56:49","modified_gmt":"2025-04-21T22:56:49","slug":"viel-mehr-als-nur-laerm-schreimelodien-des-saeuglings","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ganzohr.hfmt-hamburg.de\/index.php\/2021\/11\/viel-mehr-als-nur-laerm-schreimelodien-des-saeuglings\/","title":{"rendered":"Viel mehr als nur L\u00e4rm: Schreimelodien des S\u00e4uglings"},"content":{"rendered":"\n<p>Dieser Artikel geh\u00f6rt zu Elterninfo&nbsp;1 MONAT<\/p>\n\n\n\n<p>Es schl\u00e4ft, es trinkt, es schreit. Ein Baby erfasst die Welt zwar von Anfang an mit allen Sinnen, aber gerade in den ersten Wochen scheint es nur zwei Reaktionen darauf zu kennen: Ruhe oder eben Schreien. Wir empfinden dieses Geschrei entweder als Alarmsignal \u2013 wo bleiben blo\u00df die Eltern? \u2013 oder schlicht als L\u00e4rm. Wer denkt da schon an Musik?<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Ihr eigenes Kind schreit, klingen Ihnen die Ohren, denn dieses Geschrei ist so voller Bed\u00fcrfnisse und Emotionen: Hunger, Schmerzen, Einsamkeit, M\u00fcdigkeit, Angst \u2013 und nat\u00fcrlich wollen Sie Ihrem Kind helfen und sein Weinen so schnell wie m\u00f6glich beenden. Selbst das Geschrei fremder Kinder, etwa im Nachbarhaus oder im Restaurant, l\u00e4sst uns nicht kalt. Nicht nur, weil es laut und damit st\u00f6rend ist, sondern auch, weil so viel darin mitschwingt. An Musik erinnert es uns aber sicher nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Lied &#8222;Widele, wedele&#8220;&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.liederprojekt.org\/lied29163-Widele-wedele.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ANH\u00d6REN<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Dabei gibt es im Babygeschrei klare musikalische Merkmale, betont Kathleen Wermke, die seit Jahrzehnten die fr\u00fche Sprachentwicklung von Kindern erforscht: \u201eEs klingt vielleicht etwas seltsam, dass man Melodien im S\u00e4uglingsschreien h\u00f6rt, wenn man eigentlich am liebsten h\u00e4tte, dass das Weinen aufh\u00f6rt. Aber wenn wir es uns akustisch anschauen, dann ist es schon ein Auf- und Absteigen von T\u00f6nen, so zu sagen ein Glissando.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schreimelodie des S\u00e4uglings bleibt auch nicht gleich, sondern ver\u00e4ndert sich schon in den ersten Wochen nach einem bestimmten System: \u201eDie Neugeborenen schreien vor allem mit einer einfachen auf- und absteigenden Melodie, aber dann werden daraus zum Beispiel Doppelb\u00f6gen, Dreierb\u00f6gen, und wir haben typische Tonintervalle, die wir ausmachen k\u00f6nnen, \u00e4hnlich wie in der Musik.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kein S\u00e4ugling klingt wie der andere<\/h3>\n\n\n\n<p>Diese nach bestimmten Regeln verlaufende Lautver\u00e4nderung von Geburt an ist typisch menschlich. Noch nicht einmal andere Primaten wie zum Beispiel Schimpansen bilden ihre Stimme schon so fr\u00fch so gezielt aus. Aber wozu brauchen S\u00e4uglinge diese F\u00e4higkeit?<\/p>\n\n\n\n<p>S\u00e4uglinge k\u00f6nnen noch keine Sprachlaute erzeugen. Auch ihr Mienenspiel und ihre Bewegungsf\u00e4higkeit sind noch eingeschr\u00e4nkt und verfeinern sich erst Lauf des ersten Lebensjahres. Sie haben aber eine sehr wirksame M\u00f6glichkeit, einen Wunsch, eine unangenehme Stimmung oder Schmerzen kundzutun: indem sie differenziert schreien. Also ver\u00e4ndern sie intuitiv ihre Schreimelodien und die Intensit\u00e4t ihres Schreiens.<br>So entstehen verschiedene Ausdrucksnuancen: Ihr Kind schreit anders, wenn es Schmerzen hat, als wenn es einfach \u201enur\u201c m\u00fcde ist oder Ihre N\u00e4he sucht. Das Schreien ist die fr\u00fcheste akustische Kommunikationsform Ihres Kindes, eine erste Vorstufe zum Sprechen und zur sp\u00e4teren Sprache.<\/p>\n\n\n\n<p>Und jedes Kind klingt anders, wei\u00df Kathleen Wermke: \u201eJede Mutter h\u00f6rt recht schnell nach der Geburt ihr eigenes Baby heraus, wenn verschiedene Babys weinen. Auch Krankenschwestern auf der Geburtsstation k\u00f6nnen einzelne Kinder ziemlich schnell am Weinen erkennen.\u201c Der pers\u00f6nliche Stimmklang eines Kindes ist Teil der besonderen Bindung zwischen Eltern und Kind.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Verst\u00e4ndigung zwischen Eltern und Kind<\/h3>\n\n\n\n<p>Umgekehrt erfassen Babys intuitiv die Stimmen und Stimmungen ihrer Umgebung. Klingen Mutter oder Vater fr\u00f6hlich, gespannt oder gar zornig? Auch verschiedene Sprachen k\u00f6nnen Neugeborene an Rhythmus und Sprachmelodie erkennen.<br>Selbst wenn die Eltern regelm\u00e4\u00dfig zwei verschiedene Sprachen benutzen, kann das Kind sie voneinander unterscheiden. Denn H\u00f6ren und Schreien oder (sp\u00e4ter) Sprechen des Kindes sind eng aneinander gekoppelt. Nur wenn Babys ihre eigene Stimme h\u00f6ren und die Reaktion ihrer Umwelt darauf wahrnehmen k\u00f6nnen, lernen sie Laute und schlie\u00dflich W\u00f6rter zu bilden.<\/p>\n\n\n\n<p>Lied &#8222;Ljulja, ljulja, ljuska&#8220; (Serbien)&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.liederprojekt.org\/lied33231-Ljulja-ljulja-ljuska.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ANH\u00d6REN<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn das Geschrei also f\u00fcr Sie und Ihre Umgebung oft anstrengend sein kann: f\u00fcr Ihr Kind ist es eine stimmliche und kommunikative H\u00f6chstleistung und die einzige M\u00f6glichkeit, den Umgang mit seiner Stimme zu erlernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kathleen Wermke w\u00fcnscht sich daher, dass Eltern das Schreien ihres Babys vor allem als nat\u00fcrliche Stufe seiner lautsprachlichen Entwicklung auffassen, bevor es erste Gluckser oder Gurrlaute von sich gibt: \u201eIch glaube, dass wir den kindlichen Bed\u00fcrfnissen damit gerechter werden, als wenn wir denken, das Weinen oder Schreien sei L\u00e4rm, den man m\u00f6glichst schnell abstellen sollte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und sie r\u00e4t dazu, im Umgang mit dem Kind schon in der ersten Lebenszeit auf Stimm- und Sprachkultur zu achten: \u201eS\u00e4uglinge unterscheiden noch nicht danach, ob Melodie und Rhythmus vom Sprechen oder vom Singen kommen. Wenn Eltern singen, dann ist das f\u00fcr das Kind sogar noch wirkungsvoller, als wenn sie vergleichsweise monoton sprechen, auch bei Eltern, die denken, dass sie unmusikalisch seien.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Lied &#8222;Schlaf, Kindelein, s\u00fc\u00dfe&#8220;&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.liederprojekt.org\/lied27795-Schlaf-Kindelein-suesse.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ANH\u00d6REN<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Ausgepr\u00e4gte melodische Variationen beim Sprechen oder das Singen von Kinderliedern sind wirkungsvolle Methoden, um den S\u00e4ugling nicht nur zu erfreuen, sondern ihn gleichzeitig auch in seiner Lautentwicklung zu f\u00f6rdern. Versuchen Sie vielleicht einmal die melodisch-rhythmischen Variationen im Weinen Ihres S\u00e4uglings in verschiedenen Situationen wahrzunehmen und erfreuen Sie sich an Tonintervallen, Dreikl\u00e4ngen oder melodischen Variationen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Professor Dr. Kathleen Wermke ist Leiterin des von ihr aufgebauten Zentrums f\u00fcr vorsprachliche Entwicklung und Entwicklungsst\u00f6rungen am Universit\u00e4tsklinikum W\u00fcrzburg.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literaturhinweise:<\/strong><br>Wermke, K. &amp; Mende, W.: Am Anfang war die Melodie \u2013 Wie Babys ihre Muttersprache erlernen. In: Lehmann, A. C., Je\u00dfulat, A. &amp; W\u00fcnsch, C. (Hg.), Kreativit\u00e4t, Struktur und Emotion. Verlag K\u00f6nigshausen &amp; Neumann GmbH, W\u00fcrzburg, 2013, 41-49<\/p>\n\n\n\n<p>Liedbeitr\u00e4ge mit freundlicher Genehmigung von\u00a0<a href=\"http:\/\/www.liederprojekt.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">LIEDERPROJEKT.ORG,<\/a>\u00a0einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2. Dieser Artikel geh\u00f6rt zu Elterninfo\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ganzohhttps:\/\/ganzohr.hfmt-hamburg.de\/index.php\/elterninfos\/1-monat\/r.org\/website\/1-monat\">1 MONAT<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Folgende Neuver\u00f6ffentlichung ist von Frau Prof. Dr. Kathleen Wermke erh\u00e4ltlich:<br><br><strong>Babyges\u00e4nge: Wie aus Weinen Sprache wird<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>ISBN-13 \u200f : \u200e&nbsp;978-3222151224<br>Herausgeber \u200f : \u200e&nbsp;Molden Verlag in Verlagsgruppe Styria GmbH &amp; Co. KG (18. M\u00e4rz 2024)<br>Sprache \u200f : \u200e&nbsp;Deutsch&nbsp;<br>Gebundene Ausgabe \u200f : \u200e&nbsp;224 Seiten<br>ISBN-10 \u200f : \u200e&nbsp;3222151229<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Artikel geh\u00f6rt zu Elterninfo&nbsp;1 MONAT Es schl\u00e4ft, es trinkt, es schreit. Ein Baby erfasst die Welt zwar von Anfang an mit allen Sinnen, aber gerade in den ersten Wochen scheint es nur zwei Reaktionen darauf zu kennen: Ruhe oder eben Schreien. Wir empfinden dieses Geschrei entweder als Alarmsignal \u2013 wo bleiben blo\u00df die Eltern? 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