{"id":123,"date":"2021-11-03T20:58:14","date_gmt":"2021-11-03T19:58:14","guid":{"rendered":"https:\/\/ganzohr.hfmt-hamburg.de\/?p=123"},"modified":"2025-04-22T01:03:50","modified_gmt":"2025-04-21T23:03:50","slug":"musizieren-das-feuerwerk-der-sinne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ganzohr.hfmt-hamburg.de\/index.php\/2021\/11\/musizieren-das-feuerwerk-der-sinne\/","title":{"rendered":"Musizieren \u2013 das Feuerwerk der Sinne"},"content":{"rendered":"\n<p>Dieser Artikel geh\u00f6rt zu Elterninfo&nbsp;4 JAHRE<\/p>\n\n\n\n<p>Macht Klavierunterricht Kinder kl\u00fcger? Verbessert das Orchester ihr Sozialverhalten? Nur wenige dieser vollmundigen und von Bildungspolitikern und Musikp\u00e4dagogen gern behaupteten Einfl\u00fcsse (sogenannte Transfereffekte) aktiver musikalischer Bet\u00e4tigung auf geistige Fertigkeiten hielten in den letzten Jahren einer kritischen wissenschaftlichen \u00dcberpr\u00fcfung stand.<\/p>\n\n\n\n<p>Der wissenschaftliche Bericht \u201eMacht Mozart schlau?\u201c des Bundesministeriums f\u00fcr Bildung und Forschung aus dem Jahr 2006 h\u00e4lt fest: Es gibt keine Belege f\u00fcr urs\u00e4chliche Wirkungen von Instrumentalunterricht auf einzelne kognitive Leistungsbereiche. Damit ist die \u00dcberlegenheitsargumentation, die den Nutzen von Musikunterricht begr\u00fcnden soll, eigentlich beendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber bedeutet dies, dass eine aktive musikalische Bet\u00e4tigung folgenlos f\u00fcr die kindliche Entwicklung bleibt oder gar unn\u00fctz ist? Die Antwort ist eindeutig \u201enein\u201c \u2013 man muss nur an anderen Stellen nachschauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Musikalische Aktivit\u00e4t zeichnet sich dadurch aus, dass sie viele Sinne gleichzeitig anspricht: Beim Chorsingen werden das H\u00f6ren aufeinander, korrektes Notenlesen, eine gute Klangvorstellung und ein zeitlich genauer Einsatz gefordert. Pr\u00e4zise Bewegung im Toleranzbereich von Millisekunden garantiert erst, dass \u201eF\u00fcr Elise\u201c nicht holprig klingt. Am Musikmachen sind vierzehn Hirnareale beteiligt, was ein hervorragendes Netzwerktraining bedeutet, denn ein eigentliches Musikzentrum gibt es nicht im Gehirn. Das Musizieren bedeutet vielmehr eine au\u00dferordentlich umfassende Verbindung zwischen vielen Teilgebieten des Gehirns.<\/p>\n\n\n\n<p>Lied &#8222;Drei Chinesen mit dem Kontrabass&#8220;&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.liederprojekt.org\/lied30262-Drei-Chinesen-mit-dem-Kontrabass.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ANH\u00d6REN<\/a><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Gut vernetzt<\/h3>\n\n\n\n<p>Diese vielf\u00e4ltigen Anforderungen hinterlassen nach einiger Zeit nat\u00fcrlich ihre Spuren, und so wundert es nicht, dass die Neurowissenschaft bei aktiv Musizierenden in den H\u00f6r- und Bewegungsarealen eine h\u00f6here Nervenzellendichte festgestellt hat, was einer h\u00f6heren Leistungsf\u00e4higkeit entspricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant ist auch die Verbindung zwischen sprachlichen und musikalischen Fertigkeiten: Die Hirnareale f\u00fcr Sprach- und Musikverarbeitung \u00fcberlappen sich weitgehend. So wundert es auch nicht, dass musikalisch geschulte Kinder im Fremdsprachenunterricht bei der korrekten Aussprache von ihrem trainierten Geh\u00f6r profitieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Lied &#8222;Bruder Jakob&#8220;&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.liederprojekt.org\/#0-30297#Bruder%20Jakob\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ANH\u00d6REN<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Beeinflussen denn Chorsingen und Orchesterspiel m\u00f6glicherweise auch das Sozialverhalten positiv? Diese Vermutung wird durch die aktuelle Forschung nicht unterst\u00fctzt. Vielmehr beeinflusst die Teilnahme an einer Theater-AG Hyperaktivit\u00e4t und aggressives Verhalten besser als der Musikunterricht. Nach j\u00fcngeren Studien scheinen noch nicht einmal Mannschaftssportler gegen\u00fcber Nichtsportlern \u00fcber h\u00f6here soziale Kompetenz zu verf\u00fcgen. Ohne Ehrgeiz und Leistungsvergleich funktioniert eben weder eine Fu\u00dfballmannschaft noch ein Orchester.<br>Die Bedingungen einer erfolgreichen musikalischen F\u00f6rderung des Kindes sind hinreichend bekannt: ein eigenes Instrument, ein Raum und gen\u00fcgend Zeit zum ungest\u00f6rten \u00dcben, ein guter Lehrer sowie elterliche Unterst\u00fctzung.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ist Musizieren gesund?<\/h3>\n\n\n\n<p>Ist Musizieren f\u00fcr Kinder denn gesund? Im Sinne einer umfassenden F\u00f6rderung der geistig-emotionalen Entwicklung von Kindern ist diese Frage eindeutig zu bejahen. Das Erlernen eines Instruments oder das regelm\u00e4\u00dfige Chorsingen er\u00f6ffnet Kindern die M\u00f6glichkeit, sich ohne Sprache in einem anderen Kommunikationssystem differenziert emotional auszudr\u00fccken. Dies ist f\u00fcr den Musizierenden eine fundamentale und begl\u00fcckende Erfahrung.<\/p>\n\n\n\n<p>Lied &#8222;Die Geige beginnet&#8220;&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.liederprojekt.org\/#3-30259#Die_Geige_beginnet\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ANH\u00d6REN<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>In unserer Gesellschaft gibt es f\u00fcr musikalisches K\u00f6nnen eine hohe soziale Anerkennung, und das auf der Geige vorgetragene Geburtstagsst\u00e4ndchen hat schon so manche Tr\u00e4ne der R\u00fchrung ausgel\u00f6st. Allerdings geh\u00f6rt zur kindlichen Entwicklung auch eine k\u00f6rperliche Seite. Dem Klavier\u00fcben sollte als Ausgleich immer auch sportliche Bewegung gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Hilfe f\u00fcr Eltern bei ihrer Entscheidung f\u00fcr eine bestimmte Art der musikalischen F\u00f6rderung hilft ein Bild: Wenn das Kind als \u201ePflanze\u201c betrachtet wird, k\u00f6nnen die elterlichen \u201eG\u00e4rtner\u201c zwar die Bedingungen f\u00fcr eine gute Entwicklung bereitstellen (Licht, Wasser, Erde, Klima), doch sowohl ein Zuviel wie ein Zuwenig kann sich negativ auf das Wachstum auswirken.<br><em>Reinhard Kopiez<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Reinhard Kopiez lehrt seit 1998 als Professor f\u00fcr Musikpsychologie an der Hochschule f\u00fcr Musik, Theater und Medien Hannover. Kopiez publizierte Aufs\u00e4tze und B\u00fccher, die sich unter anderem mit der Sozialpsychologie der Musik (Fu\u00dfball-Fanges\u00e4nge), der emotionalen Wirkung von Musik (G\u00e4nsehaut-Erlebnisse) oder der Virtuosit\u00e4t besch\u00e4ftigen. Er war Pr\u00e4sident der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Musikpsychologie und der European Society for the Cognitive Sciences of Music (ESCOM).<br>Zum Thema Instrumentalunterricht f\u00fcr Vorschulkinder hat Reinhard Kopiez der &#8222;Rheinischen Post&#8220; in D\u00fcsseldorf ein Interview gegeben (s. pdf).<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weiterf\u00fchrende Literatur:<\/strong><br>Bundesministerium f\u00fcr Bildung und Forschung (BMBF, 2006): \u201eMacht Mozart schlau?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Liedbeitr\u00e4ge mit freundlicher Genehmigung von\u00a0<a href=\"http:\/\/www.liedprojekt.org\/\">LIEDERPROJEKT.ORG<\/a>, einem Benefizprojekt von Carus-Verlag und SWR2. Dieser Artikel geh\u00f6rt zu Elterninfo\u00a0<a href=\"https:\/\/ganzohr.hfmt-hamburg.de\/index.php\/elterninfos\/4-jahre\/\">4 JAHRE<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Artikel geh\u00f6rt zu Elterninfo&nbsp;4 JAHRE Macht Klavierunterricht Kinder kl\u00fcger? 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