Singen? Muss das sein?

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Mit Neugeborenen und heranwachsenden kleinen Kindern haben wir wunderbare Wesen vor uns, die zunächst die vielen neuen Eindrücke der Umwelt unverstellt und sensibel wahrnehmen: zunächst sehen, schmecken, fühlen, riechen und hören sie über einen längeren Zeitraum hinweg, ohne dass Eltern gezielte Reaktionen des Babys erwarten würden. Im Mittelpunkt steht die Wahrnehmung, wobei der Hörwahrnehmung für musikalisches Lernen besondere Bedeutung zukommt. Allmählich beginnen die Kinder immer aktiver beispielsweise durch Körperbewegungen oder brabbeln auf wahrgenommene Eindrücke zu reagieren.

Geht man davon aus, dass die Hirnentwicklung als ein sich selbst organisierender, durch Interaktionen mit der Außenwelt gelenkter Prozess abläuft (vgl. Hüther, 2001a), so bedeutet dies für den musikalischen Umgang mit Babys, dass wir gezielte Anregungen geben und für den Lernprozess darauf vertrauen dürfen, dass die Kinder durch ihre Neugierde und ihr Interesse die individuellen Lernprozesse selbstständig unbewusst steuern. Und genau dies geschieht, wenn wir ihnen vielfältige musikalische Anregungen geben und dann geduldig warten. Die Kinder selbst zeigen uns durch ihre Aktionen und Reaktionen, wann sie die bisherigen Eindrücke verarbeitet haben und bereit sind für nächste Schritte.

So spielerisch wie Kinder ihre Muttersprache mit Unterstützung ihrer Eltern erlernen, können sie auch musikalische Inhalte erfahren. Die Vorgehensweise der musikalischen Anleitung ähnelt dabei dem Prozess des Erlernens der Muttersprache. (Der amerikanische Musikpsychologe und -pädagoge Edwin Gordon hat für diese musikalische Verstehensweise den Begriff Audiation geprägt, vgl. hierzu Gordon, 1990 und Süberkrüb, 2005). Durch vielfältige, qualitativ hochwertige Hör-, Singe- und Bewegungserfahrungen entwickeln Kinder eine Klangvorstellung und innermusikalisch-syntaktisches Verstehen, welches ihnen langfristig einen ähnlich selbstverständlich spielerisch-improvisierenden Umgang mit Musik erlaubt, wie dies im Bereich der Muttersprache gegeben ist.

Musikalisches Lernen von Menschen erfolgt jedoch nicht durch isolierte akustische Wahrnehmungen, sondern diese werden in der Regel mit anderen Sinneserfahrungen verknüpft, d.h. durch ein Ereignis werden mehrere Sinneskanäle gleichzeitig aktiviert. Neurobiologen sprechen hierbei von einer „funktionalen Kopplung“. Auditive Wahrnehmungsinhalte sind demnach beispielsweise mit kinesthetischen oder visuellen verknüpft. Neben der Verknüpfung der einzelnen Sinneseindrücke untereinander werden diese jedoch gleichzeitig auch noch mit dem jeweiligen Gefühl in der Wahrnehmungssituation verbunden und gespeichert. Dies bedeutet, dass die neuen Lerninhalte stets mit der entsprechenden emotionalen Erfahrung in der Lernsituation verknüpft werden: Je stärker die emotionalen Zentren im limbischen System bei solchen Prozessen mit erregt werden – was in Momenten großer emotionaler Beteiligung geschieht – desto intensiver werden die Sinneseindrücke wahrgenommen und entsprechend gespeichert. Hier wird offensichtlich, dass auch das emotionale Verhältnis der Bezugsperson zur Musik einen großen Einfluss auf das Musikerleben des Babys hat (vgl. hierzu auch Hüther, 2001b). Emotionale Sicherheit ist auch ein wichtiges Fundament, um sich auf musikalisch Ungewöhnliches und Unbekanntes einlassen zu können, so dass noch nicht Vertrautes mit Neugier und Freude statt mit Angst vor Versagen aufgenommen und im Gehirn verarbeitet und verankert werden kann.

Eine gute Nachricht für uns alle ist, dass die neuronalen Netze in unserem Kopf im Erwachsenenalter nicht endgültig festgelegt sind, sondern sich in der Weise verändern, wie wir unser Gehirn benutzen (Neurobiologen sprechen von hierbei „nutzungsabhängiger Plastizität“).

In diesem Sinne: Seien Sie mutig, freudig und optimistisch beim Musizieren mit Ihrem Baby bzw. Kleinkind unter Verwendung der Materialien auf dieser Website und wachsen Sie auch selbst musikalisch!

Literaturhinweise:

Gordon, Edwin E.: A Music Learning Theory for Newborn and Young Children. Chicago 1990 (21997).

Hüther, Gerald: Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn. Göttingen 2001 (a)

Ders.: Die Bedeutung emotionaler Sicherheit für die Entwicklung des kindlichen Gehirns, in: Gebauer, Karl/ Hüther, Gerald: Kinder brauchen Wurzeln. Neue Perspektiven für eine gelingende Entwicklung. Düsseldorf 2001 (b), S. 15-34.

Süberkrüb, Almuth: Audiation. In: Helms, S./Schneider, R./Weber, R. (Hrsg.): Lexikon der Musikpädagogik. Kassel 2005.

Süberkrüb, Almuth/Kompare-Zecher Jeanne: Cantabile e Mobile. Musik erleben von Anfang an. Heft 1, Geburt bis 18 Monate. Marburg 2010.

Prof. Dr. Almuth Süberkrüb ist Projektleiterin von „Ganz Ohr! Musik für Kinder“ und an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg Professorin für Musikpädagogik/Elementare Musikpädagogik.

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